Redefreiheit in der DDR (Special Guest: Eva Herman)

14. September 2007

Wissen Sie, was der Unterschied zwischen der DDR und dem Dritten Reich ist? Über die DDR darf man, wenn es unbedingt sein muss, sagen, dass dort nicht alles schlecht war. Über das Dritte Reich muss man sagen, dass dort alles schlecht war: die Familienpolitik (Mutterkreuz!), die Erziehung der Jugend (Jungvolk! HJ! BDM!), die Nazis, das Wetter usf. Wer sich nicht dran hält, den setzt der NDR vor die Tür. So jüngst mit Eva Herman geschehen, die laut Spiegel online sagte, im Dritten Reich sei „vieles sehr schlecht gewesen, zum Beispiel Adolf Hitler“, einiges aber auch gut, „zum Beispiel die Wertschätzung der Mutter“.

(Für Feinbeine: Dass man sagen muss, dass im Nationalsozialismus alles schlecht war, ist eine Vereinfachung. Als Ausnahme von der Regel waren die wenigen Guten damals z. T. deutlich besser als die heutigen Guten; sie konnten so gut sein, weil die anderen alle so schlecht waren. Ich vernachlässige diesen Sachverhalt im weiteren Text.)

Ich möchte den Rauswurf Eva Hermans nutzen und warnend den Finger heben. Es ist nicht gut, Einschränkungen der Redefreiheit im Namen der politischen Korrektheit, der Geschichte oder mit Rücksicht auf die Ansichten religiöser Vereinigungen, die sich für das Gewissen anderer Leute verantwortlich fühlen, hinzunehmen. Es ist überhaupt nicht gut, sagen zu müssen, dass irgendwo alles schlecht war. Und es ist regelrecht schlecht, wenn jemand, der sagt, dass im Dritten Reich nicht alles schlecht war, gefeuert wird.

Warum? Weil: Wenn sich die Ansicht durchsetzt, dass im Dritten Reich alles schlecht war, könnten die Leute, die nicht wissen, dass damals eben nicht alles schlecht war, auf den Gedanken kommen, zu glauben, dass 1933 alle Deutschen aus dem Stand zu einer bösartigen Menschen-Abart mutierten. Ein Homo malus gewissermaßen, der nichts als Bosheit im Schilde führte (strammstehen, denunzieren, vergasen) und mit Homo sapiens nichts gemein hatte. 1945 mutierten alle wieder zurück.

So war es nicht, Leute! Die Bewohner Hitlerdeutschlands waren wie wir! Schon mal was von der Gnade der späten Geburt gehört? Wir könnten, wenn wir wollten, genauso böse sein! So sieht’s nämlich aus! Macht euch das bewusst und seid trotzdem gut!

Zweitens will ich festhalten, dass Eva Herman ist, was Alice Schwarzer spätestens seit ihrem Verbal-Duell mit Verona Feldbusch nicht mehr ist: eine Tabubrecherin. Eine der couragiertesten prominenten Frauen Deutschlands.

Leider ist die Meinungshoheit naturgemäß bei denen, die im warmen Mief der Mehrheit schwimmen. (Ehrlich, die gibt es!) Und es gibt Thea Dorn, die auf Spiegel online schreibt, sie wisse schon ganz lange, dass Herman eine Anhängerin braunstichiger Ansichten ist. Nach etlichen weiteren Zeilen kommt Dorn dann auf den Punkt: Es gebe, sagt sie, in unserem Land rhetorische Schwellen, die niemand überschreiten darf. — Wenn Du doch nur klipp und klar geschrieben hättest, ob Du diese Schwellen gut oder schlecht findest, Theachen! Aber dieses Geschwafel ist einfach … ach, vergiss es. (Und was Deinen Schlusssatz betrifft – von wegen, Eva Herman habe das alles nur gesagt, um künftig mehr Zeit zum Apfelkuchenbacken zu haben: Ich habe schon besser gelacht.)

So. Jetzt zum eigentlichen Thema meines Aufsatzes. Es ist nämlich so, dass ich nicht so mutig bin wie Eva Herman. Darum schreibe ich nicht übers Dritte Reich, sondern nur darüber, dass in der DDR nicht alles schlecht war. Die Redefreiheit zum Beispiel. Wenigstens die im Alltag. In der DDR haben wir in der Schule und auf der Arbeitsstelle immer gesagt, was wir dachten. In dem westdeutschen Betrieb, in dem ich 1988 anfing, hieß es maulhalten und abducken. Alle waren total eingeschüchtert. Um von diesem schmachvollen Verhalten abzulenken, haben in den Pausen alle ganz laut über Nichtigkeiten geredet (Fernsehwerbung, Hollywoodfilme, Autos) und vorgegeben, das furchtbar interessant zu finden. Tschüss bis nächste Woche.

P. S. Bitte? Eva Hermans Äußerung war gar nicht mutig? Sie hat einfach nur drauflos geplappert? Was sie sagte („… vieles sehr schlecht gewesen, zum Beispiel Adolf Hitler“) zeugt von einer gottserbärmlich naiven Betrachtungsweise? Weil, wenn man über das Schlechte im Dritten Reich spricht und überlegt klingen will, man nicht einfach „sehr schlecht“ sagen darf, sondern Worte wie „menschenverachtend“, „verbrecherisch“ und „zynisch“ hernehmen muss? – Falsch. Wenn man sagen will, dass damals vieles sehr schlecht war – zum Beispiel Adolf Hitler -, dann sagt man „es war vieles sehr schlecht, zum Beispiel Adolf Hitler“.

P. P. S. Wer sich für eine differenziertere Sichtweise auf die vielen ganz Bösen und die wenigen ganz Guten im Dritten Reich interessiert, dem empfehle ich das Buch „Der Milchmann“ von Rafael Seligmann.

P. P. P. S. Wenn Alice Schwarzer mich fragen würde, wie sie couragemäßig wieder mit Eva Herman gleichziehen könnte, würde ich ihr antworten: Fordern Sie Verona Feldbusch-Pooth zu einem Schönheits-Wettbewerb heraus. (Sie müssen nicht gewinnen, Frau Schwarzer. Teilnehmen reicht völlig.)


Ost-West-Dialog (Vol. II)

31. August 2007

Einmal stritt ich mit einem Bekannten aus der Pfalz. Es ging um die Frage, warum die Westdeutschen die Ostdeutschen scheiße finden.

Weil die Ostdeutschen sächsisch reden, sagte mein Bekannter.

Ich erzählte ihm von meiner Großtante Elfriede aus München. Mit dieser Tante war es so: Als es die DDR noch gab, kam sie mit ihrem Mann öfters zu uns in die DDR zu Besuch. Sie sagte dann immer, dass wir armen Schweine uns gar nicht vorstellen könnten, wie glamourös es im Westen sei. Elfriedes Mann fügte hinzu, in München gebe es nirgendwo Unkraut. Wir sollten sie doch mal besuchen in München, haha, und wenn wir auch nur ein einziges Unkraut finden würden, würde er uns eine Million D-Mark geben.

Ich habe meine Großtante und ihren Mann damals für prototypische Bundesbürger gehalten. Heute bin ich überzeugt, dass ich damit richtig lag.

Jedenfalls, als sich die Grenzen 1989 öffneten, fuhren die DDR-Bürger nach München, Villingen-Schwenningen und Brunsbüttel und stellten fest, dass erstens der Westen doch nicht so glamourös war, wie die Tanten und Onkel immer behauptet hatten, und dass zweitens es in München sehr wohl Unkraut gab. Da fühlten sich die West-Tanten und –Onkel beim Aufschneiden ertappt. Nein, ärger noch: Sie befürchteten, die Ostverwandtschaft könne meinen, sie, die West-Tanten und –Onkel, würden den Westen tatsächlich für glamourös und unkrautfrei halten und seien daher weit weniger weltläufig, als sie auf ihren DDR-Besuchen immer zu sein vorgegeben hatten.

Der Westen, sagte ich zu meinem Pfälzer Bekannten, wird dem Osten die Bloßstellung des Westens im Zuge der Grenzöffnung nie verzeihen. In Wahrheit, fuhr ich fort, finden die Westdeutschen gar nicht die Ostdeutschen, sondern sich selber scheiße. Weil diese Erkenntnis aber zu bitter ist, um sie sich einzugestehen, sagen die Westdeutschen, dass nicht sie, sondern die Ostdeutschen scheiße sind. Zur Rechtfertigung dieser Aussage leistet das Alle-Ostler-sind-Nazis-Klischee gute Dienste.

Zum Schluss einigte ich mich mit meinem Bekannten darauf, dass wir beide Recht haben. Na also: Soll noch mal einer behaupten, die deutsch-deutsche Verständigung funktioniert nicht.


Mehr davon: Ost-West-Dialog (Vol. I)


Ost-West-Dialog

31. August 2007

Neulich steh’ ich mit einer mir flüchtig bekannten Tübinger Sozialpädagogin auf der Neckarbrücke. Wir lehnen am Geländer und schauen ins braune Neckarwasser.

Sagt meine Bekannte: Oh Mann, diese Ostler.

Sag ich: Was ist mit denen? (Ich bin in der DDR aufgewachsen, aber das weiß meine flüchtig Bekannte nicht.)

Sagt sie: Die sind doch alle braun. Intolerante, dumpfe Nazis. Wegen Mügeln und so, sagt sie. Vollgeschissen mit Vorurteilen. Kennen gar keine Ausländer, weil’s im Osten keine gibt, können Ausländer aber nicht leiden.

Sag ich: Woher weißt du das?

Sie: Das steht doch jeden Tag in den Medien.

Ich: So nahtlos passt der Mügeln-Vorfall nicht in dein Klischee von den rechtsradikalen Ostlern und den bedauernswerten Ausländern, meine Liebe. Der Focus sagt, die Polizei habe gesagt, dass die Inder mit abgebrochenen Biergläsern auf die Ostdeutschen losgegangen sind. (Langsam komm’ ich in Fahrt. Ich erhitze mich bei diesem Thema immer. Ich kann es für den Tod nicht ausstehen, wenn sich eine Tübinger Sozpäd-Trulla, die vorgibt, tolerant zu sein, in Wirklichkeit aber nur tolerant ist gegenüber denjenigen, die dieselbe Meinung haben wie sie, über die vermeintliche Intoleranz anderer ereifert.) — Dochdoch, sag ich weiter zu ihr, du hast ja recht. Zuallererst, noch bevor jemand Genaueres weiß, sagen die Medien immer, dass wieder mal die guten Ausländer von den braunen Ossis gehetzt worden sind. Wenn hinterher rauskommt, dass es doch anders war, kommt das nur als Vierzeiler auf Seite siebzehn. Und schwupps – wieder haben die Wessis ihr Stereotyp vom braunen Ossi bestätigt gekriegt.

Sie: Den ‚Focus’ les’ ich nicht, der ‚Focus’ ist …

Ich: Aber den ‚Spiegel’ und die ‚TAZ’ liest du doch ganz bestimmt, oder?

Sie: Die ‚TAZ’ schon, die ist …

Jetzt bin ich endgültig nicht mehr zu halten. Die Medien, schrei ich, egal ob Focus, Spiegel oder TAZ, berichten tendenziös! Das Fernsehen ist besonders tendenziös! Das Fernsehen bedient Klischees über Ostdeutsche! Und, sag ich, das Fernsehen – das öffentlich-rechtliche wie das private – ist ein reines Westfernsehen! Wenn ein Moderator, egal welcher Sendung, ‚wir’ sagt, meint er die Westdeutschen, wenn er ‚hier’ sagt, meint er Westdeutschland, und wenn er ‚dort’ sagt, meint er die Ex-DDR!

Unter der Neckarbrücke plätschert es. Ein paar Stocherkahn-Studenten schauen zu uns herauf.

Sagt sie: Sag mal, wie bist du denn drauf? Das weiß doch jeder, dass es im Osten schlimmer ist mit den Nazis als hier. Die sind eben die Demokratie nicht gewohnt. Und so weiter, sagt sie.

Sag ich: Wenn das tatsächlich so ist, dann liegt es daran, dass im Osten mehr Leute arbeitslos sind als im Westen.

Sie, sich abwendend: Hör auf, das hat doch mit Arbeitslosigkeit nichts zu tun, das ist doch ein billiges Klisch…

Ich, mit Schaum vorm Mund: Ha! Was weißt du denn! Das, das ist kein Klischee!

Sie: Ich muss los, ich muss noch was einkaufen. Tschüss.

Ich: Tschüss.

Sie geht. Ich stehe noch eine Weile da. Schaue vor mich hin, ins Wasser.

Wenn meine Bekannte nicht gegangen wäre, hätte ich ihr gesagt, dass eigentlich nicht die Arbeitslosigkeit dafür verantwortlich ist, wenn sich jemand nach rechts außen orientiert. Sondern die regierenden Parteien und die Medien. Weil sie den Arbeitslosen, vor allem den arbeitslosen Hartz-IV-Empfängern – subtil oder auch ganz offen – vermitteln, sie selbst seien für ihre Misere verantwortlich, sie seien ehrlose Schmarotzer, die auf Kosten aller anderen lebten. Das Vermitteln dieser Botschaft läuft übrigens unter der Bezeichnung „Motivierung“. Nein, schnittiger noch: Motivation. Die Opfer dieser Motivation, hätte ich gesagt, würden folgerichtig entweder Selbstmord begehen oder NPD wählen. Eigentlich müssten, hätte ich ihr gesagt, noch viel mehr Leute NPD wählen. Das hätte sie wohl verstanden.

Dann hätte ich ihr gesagt: Ich habe einen Traum. Von einem friedlichen Miteinander von Nazis, Ausländern und toleranten Tübinger Sozialpädagogen. Mein Gott, sind wir denn nicht alle Deutsche? Zum Schluss hätten wir uns in den Armen gelegen.

Inzwischen bin ich mir nicht mehr ganz sicher, ob es wirklich so gekommen wäre. Womöglich hätte meine sehr flüchtig Bekannte mit ihren festzementierten Ansichten über Ostdeutschland ganz anders reagiert. Mich als Nazi verunglimpft beispielsweise.

Ganz gut so, dass sie gegangen ist. Soll sie doch zusammen mit ihren aufgeschlossenen Tübinger Toleranzlern, dieser ganzen feisten, faschistoiden Sozpäd-Mischpoke, weiter ihre Vorurteile pflegen. Oder dorthin gehen, wo der Kümmel wächst. Ich sag’s Euch: Manche Leute kann ich auf den Tod nicht ausstehen.

P. S. Wohin das mit der „Motivation“ einmal führen wird, weiß ich jetzt schon. Irgendwann in den, sagen wir mal, kommenden zehn Jahren wird man dazu übergehen, Arbeitslose in Lagern zu internieren. Die Lager werden nicht Lager heißen, sondern ‚Motivation Centers’. Sollte sich dagegen unerwarteterweise Widerstand regen (von wegen, ob die Nationalsozialisten nicht auch solche Lager gebaut hätten), wird irgendein Bescheidwisser – einer von der Sorte, die in jedem Satz dreimal ‚Struktur’, ‚Relevanz’ und ‚Kontext’ sagt – erklären, man könne doch nicht alles, was im Dritten Reich geschah, deshalb verteufeln, weil es im Dritten Reich geschah, man müsse sich über Denkverbote hinwegsetzen, müsse Dinge andenken usf.

P. P. S. Mit welchem Begriff man das Vergasen von Arbeitslosen, das meiner Einschätzung nach in den kommenden zwanzig bis dreißig Jahren eingeführt wird, bezeichnen wird, darüber denke ich noch nach. Nachhaltige Abwicklung vielleicht. Oder ProEconomy BioRelease.


Mehr davon: Ost-West-Dialog (Vol. II)


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