Fünf Absätze voller Hass

Wisst Ihr, was für einen Hessen die schwerste Beleidigung ist? Das: Wenn man ihn „Hasse“ ruft. Das Wort „Hasse“ ist ein Konglomerat aus Hase, Hesse und Hass und wurde zuerst im 16. Jahrhundert gehört. Als Wortschöpfer gibt die ältere Literatur keinen geringeren als Martin Luther an. Luther, so liest man, habe 1522 bibelübersetzenderweise auf der Wartburg gesessen, als seine Köchin ihm einmal vierzehn Tage am Stück Hasenbraten zum Mittagstisch vorsetzte. (Hintergrund: Hasen gab es zu dieser Zeit im Überfluss. Besonders hasenreich waren die stoppeligen Fluren Hessen-Kassels; die Kasseler avancierten eingangs des 16. Jahrhunderts gar zu den weltweit größten Hasenexporteuren und überschwemmten vor allem den nahen Thüringer Markt mit konkurrenzlos billigem Hasenfleisch.)

Derart eintönig bedient mochte der Kirchenreformator bald keine Hasen mehr sehen, klagte täglich lauter über die „gottverdammten verhassten Hasen aus Hessen“. Am zwölften Tag des Hasenbraten-Marathons, heißt es in der „Geschichte der vollfleischigen Fettgerichte“ von 1601, habe Luther, um noch eindringlicher toben zu können, die umständliche Konstruktion „verhasster Hase aus Hesse“ zu dem griffigen Abwertungsterminus „Hasse“ verdichtet. Der Neologismus fand bald Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch, und ab dem 17. Jahrhundert wurden mit dem Begriff nicht nur hessische Hasen, sondern generell die Einwohner Hessens – in Thüringen mindestens ebenso verhasst wie die marktbeherrschenden, einheimische Kleinwildjäger in den Ruin treibenden Kasseler Rammler – belegt.

Hass
Wohin man sieht: Hass

Eigentlich wollte ich ja etwas ganz anderes erzählen. Ich wollte Euch fragen: Wisst Ihr schon das Neueste? Neonazis – wie auch die klassischen Nationalsozialisten – stehen politisch links der Mitte. Verzeihung, ich muss mich korrigieren: Das ist gar nicht das Neueste. Das ist sogar schon ziemlich alt und gehörte vor gar nicht langer Zeit sogar zum Allgemeinwissen. Das „S“ der NSDAP hatte nämlich durchaus seine Berechtigung. Besonders großen Anklang fand die sozialistische Idee übrigens bei den Mitgliedern der parteieigenen Kampf- und Rolltruppe SA. Wie heißt’s im Horst-Wessel-Lied:

Kam’raden, die Rotfront und Reaktion erschossen,
Marschiern im Geist in unsern Reihen mit.

Das bedeutet, die Nationalsozialisten sahen nicht nur die kommunistische Konkurrenz („Rotfront“) als Gegner, sondern machten ihren Feind ausdrücklich auch auf der rechten Seite aus: die Reaktion. Die Deutschnationalen. Die Kaisertreuen. Die Rechten eben.  Aufgemerkt: Im Unterschied zu den Nationalsozialisten waren die Faschisten sehr wohl rechts. Doch Obacht: Nicht überall, wo Faschismus draufsteht, ist auch Faschismus drin. Faschismus ist kein Gattungsbegriff für irgendwie martialisch und diktatorisch daherkommende Herrschaftsformen, auch wenn uns Alt-Achtundsechziger und Jung-Möchtegern-Bescheidwisser das immer wieder weißmachen. Die italienischen Schwarzhemden – die mit dem Rutenbündel und dem Mussolini –, das sind die richtigen Faschisten. Die waren rechts, weil sie konservativ waren und die strikte Ständeordnung propagierten. Darum darf man Faschisten niemals mit Nationalsozialisten verwechseln. Capisce? Niemals!

Wer heute rechts ist? Die NPD schon mal nicht. Aber die Republikaner sind rechts. Konservative Teile von CDU/CSU ebenso. Und wer das nicht glaubt, ist ein verdammter Hasse und soll gefälligst die „Anmerkungen zu Hitler“ von Sebastian Haffner lesen. (Wer es glaubt, soll sie bitte auch lesen, denn dieses Buch ist echt gut und viel dünner als der Hitler-Wälzer von Joachim Fest.) Ich wiederhole, schwöre und beteuere: Ein Hasse ist der, der so tut. Exakt. Ein ganz gewöhnlicher, gottverdammter Hasse.

P. S. Für einen Hasen ist es ebenfalls die schwerste Beleidigung, „Hasse“ genannt zu werden.

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