Wissen Sie, was der Unterschied zwischen der DDR und dem Dritten Reich ist? Über die DDR darf man, wenn es unbedingt sein muss, sagen, dass dort nicht alles schlecht war. Über das Dritte Reich muss man sagen, dass dort alles schlecht war: die Familienpolitik (Mutterkreuz!), die Erziehung der Jugend (Jungvolk! HJ! BDM!), die Nazis, das Wetter usf. Wer sich nicht dran hält, den setzt der NDR vor die Tür. So jüngst mit Eva Herman geschehen, die laut Spiegel online sagte, im Dritten Reich sei „vieles sehr schlecht gewesen, zum Beispiel Adolf Hitler“, einiges aber auch gut, „zum Beispiel die Wertschätzung der Mutter“.
(Für Feinbeine: Dass man sagen muss, dass im Nationalsozialismus alles schlecht war, ist eine Vereinfachung. Als Ausnahme von der Regel waren die wenigen Guten damals z. T. deutlich besser als die heutigen Guten; sie konnten so gut sein, weil die anderen alle so schlecht waren. Ich vernachlässige diesen Sachverhalt im weiteren Text.)
Ich möchte den Rauswurf Eva Hermans nutzen und warnend den Finger heben. Es ist nicht gut, Einschränkungen der Redefreiheit im Namen der politischen Korrektheit, der Geschichte oder mit Rücksicht auf die Ansichten religiöser Vereinigungen, die sich für das Gewissen anderer Leute verantwortlich fühlen, hinzunehmen. Es ist überhaupt nicht gut, sagen zu müssen, dass irgendwo alles schlecht war. Und es ist regelrecht schlecht, wenn jemand, der sagt, dass im Dritten Reich nicht alles schlecht war, gefeuert wird.
Warum? Weil: Wenn sich die Ansicht durchsetzt, dass im Dritten Reich alles schlecht war, könnten die Leute, die nicht wissen, dass damals eben nicht alles schlecht war, auf den Gedanken kommen, zu glauben, dass 1933 alle Deutschen aus dem Stand zu einer bösartigen Menschen-Abart mutierten. Ein Homo malus gewissermaßen, der nichts als Bosheit im Schilde führte (strammstehen, denunzieren, vergasen) und mit Homo sapiens nichts gemein hatte. 1945 mutierten alle wieder zurück.
So war es nicht, Leute! Die Bewohner Hitlerdeutschlands waren wie wir! Schon mal was von der Gnade der späten Geburt gehört? Wir könnten, wenn wir wollten, genauso böse sein! So sieht’s nämlich aus! Macht euch das bewusst und seid trotzdem gut!
Zweitens will ich festhalten, dass Eva Herman ist, was Alice Schwarzer spätestens seit ihrem Verbal-Duell mit Verona Feldbusch nicht mehr ist: eine Tabubrecherin. Eine der couragiertesten prominenten Frauen Deutschlands.
Leider ist die Meinungshoheit naturgemäß bei denen, die im warmen Mief der Mehrheit schwimmen. (Ehrlich, die gibt es!) Und es gibt Thea Dorn, die auf Spiegel online schreibt, sie wisse schon ganz lange, dass Herman eine Anhängerin braunstichiger Ansichten ist. Nach etlichen weiteren Zeilen kommt Dorn dann auf den Punkt: Es gebe, sagt sie, in unserem Land rhetorische Schwellen, die niemand überschreiten darf. — Wenn Du doch nur klipp und klar geschrieben hättest, ob Du diese Schwellen gut oder schlecht findest, Theachen! Aber dieses Geschwafel ist einfach … ach, vergiss es. (Und was Deinen Schlusssatz betrifft – von wegen, Eva Herman habe das alles nur gesagt, um künftig mehr Zeit zum Apfelkuchenbacken zu haben: Ich habe schon besser gelacht.)
So. Jetzt zum eigentlichen Thema meines Aufsatzes. Es ist nämlich so, dass ich nicht so mutig bin wie Eva Herman. Darum schreibe ich nicht übers Dritte Reich, sondern nur darüber, dass in der DDR nicht alles schlecht war. Die Redefreiheit zum Beispiel. Wenigstens die im Alltag. In der DDR haben wir in der Schule und auf der Arbeitsstelle immer gesagt, was wir dachten. In dem westdeutschen Betrieb, in dem ich 1988 anfing, hieß es maulhalten und abducken. Alle waren total eingeschüchtert. Um von diesem schmachvollen Verhalten abzulenken, haben in den Pausen alle ganz laut über Nichtigkeiten geredet (Fernsehwerbung, Hollywoodfilme, Autos) und vorgegeben, das furchtbar interessant zu finden. Tschüss bis nächste Woche.
P. S. Bitte? Eva Hermans Äußerung war gar nicht mutig? Sie hat einfach nur drauflos geplappert? Was sie sagte („… vieles sehr schlecht gewesen, zum Beispiel Adolf Hitler“) zeugt von einer gottserbärmlich naiven Betrachtungsweise? Weil, wenn man über das Schlechte im Dritten Reich spricht und überlegt klingen will, man nicht einfach „sehr schlecht“ sagen darf, sondern Worte wie „menschenverachtend“, „verbrecherisch“ und „zynisch“ hernehmen muss? – Falsch. Wenn man sagen will, dass damals vieles sehr schlecht war – zum Beispiel Adolf Hitler -, dann sagt man „es war vieles sehr schlecht, zum Beispiel Adolf Hitler“.
P. P. S. Wer sich für eine differenziertere Sichtweise auf die vielen ganz Bösen und die wenigen ganz Guten im Dritten Reich interessiert, dem empfehle ich das Buch „Der Milchmann“ von Rafael Seligmann.
P. P. P. S. Wenn Alice Schwarzer mich fragen würde, wie sie couragemäßig wieder mit Eva Herman gleichziehen könnte, würde ich ihr antworten: Fordern Sie Verona Feldbusch-Pooth zu einem Schönheits-Wettbewerb heraus. (Sie müssen nicht gewinnen, Frau Schwarzer. Teilnehmen reicht völlig.)


Ein sehr guter Beitrag. Wenn man sich noch vor Augen hält, dass der NDR eigentlich zu politischer Neutralität verpflichtet ist, wird mir noch schlechter bei diesem Thema. Aber man sieht sehr schön am Fall von Frau Herman, was einem passieren kann wenn man es wagt gegen den Strom zu schwimmen.
Hier gibt es übrigens die Kampagne Solidarität mit Eva Herman.
Meine schönste Zeit war die zur DDR Zeit..
meine Kindheit meine Jugend ,Ich arbeite von früh bis spät und komme zu nichts…
Heute ist alles durcheinander man kann nichts mehr in die reihe bringen es reicht nicht mehr hinten und vorn was soll es erst werden wenn man alt wird…
keine Absicherung ich habe so die schnauze hier voll..