Gott will es!

28. September 2007

Christen! Katholiken und Protestanten! Brüder und Schwestern! Was treibt Ihr eigentlich das ganze Jahr über? Auf Kirchentagen rumhocken, bußfertigen Toleranzpredigern zuhören, an das Gute im Menschen glauben und windelweiche Gutmenschen-Lieder singen? Wie kreuznaiv seid Ihr eigentlich, hm? Habt Ihr Euch schon mal gefragt, was Gott von Eurer filzlatschigen Kitschkommune hält?

Erwachet! Macht endlich die Augen auf, verdammt und zugeschraubt! Der Muselmann bedroht das christliche Abendland! Schon weht die grüne Fahne über weiten Teilen des Vaterlands, schon hat es sich das Sarazenenheer, die Hand am Krummsäbel und eine Spur aus Moscheen hinter sich herziehend, überall zwischen Oberammergau und Flensburg in seinen parallelgesellschaftlichen Stützpunkten gemütlich gemacht!

Auf Eure kulturelle Selbstbestimmung könnt Ihr, Christen, bald pfeifen. Bereits gepfiffen habt Ihr ja auf die Meinungs- und Redefreiheit: Die wurde, den Wünschen der Belagerer entsprechend, durch eine angepasste Version ersetzt. Und nach der darf nur noch so geredet und geschrieben werden, dass ja kein islamischer Fanatiker sich auf den Schlips getreten fühlt. Wenn sich doch mal jemand traut und lustige Bildchen von Mohammed in die Zeitung reinmalt, zünden die religiösen Eiferer, um ihre Ehre wiederherzustellen, westliche Botschaften an. Naive westliche Multikulti-Illusionisten reden ihnen dabei das Wort. Sie tun das, weil sie zu feige sind, sich ihre Feigheit einzugestehen.

Erhebt euch also, Christen! Auf in den Kampf der Kulturen! Auf zum Kreuzzug! Deus lo vult, sage ich, Gott will es!

Was? So richtig und überhaupt wisst Ihr noch immer nicht, was an der galoppierenden Islamisierung Deutschlands schlecht sein soll? Dann hört her:

Schlecht ist, wenn deutsche Gerichte vor beleidigten Moslems kuschen und Eltern Recht geben, die ihre Töchter vom Schwimmunterricht fernhalten. Schlecht ist, wenn eine Richterin aus falsch verstandener Toleranz und mit Rücksichtnahme auf ostanatolische Traditionen im Namen des Volkes Prügel erlaubt (Quelle). Schlecht ist, wenn in Köln-Ehrenfeld eine Großmoschee gebaut wird, und besonders schlecht ist, wenn die Moschee quasi direkt von Ankara als türkischer Vorposten auf deutschem Boden installiert wird (Quelle).

In Kanak-Sprak radebrechende, goldkettchentragende Schulversager, für die alle deutschen Mädchen Nutten sind, sind nicht nur schlecht, sondern scheiße! Ehrenmorde sind scheiße! Schleier sind scheiße! Erstens sind sie scheiße, weil es muslimische Lehrerinnen gibt, die deutschen Schülern verschleiert entgegentreten wollen und ich gern hätte, dass den Schülern der Anblick solcher Lehrerinnen erspart bleibt; zweitens sind sie scheiße, weil der Schleier ein Symbol für die Unterdrückung der Frau im Islam usw. usf.; vor allem aber sind sie scheiße, weil ich bei Aldi keine dicken Frauen im schwarzen Ganzkörperschleier mehr sehen will, die am Gemüseregal stehend laute Laute von sich geben und dabei eine nach Tod, Aas und Iltis schmeckende Aura verbreiten. Ich will sagen dürfen, dass ich das nicht will! Ich will sagen dürfen, dass ich es vor allem wegen der dicken Frauen bei Aldi nicht will!

So, Brüder und Schwestern, ist die Lage. Jetzt hört auf zu singen und ergreift mit mir das flammende Christenschwert des klaren Wortes und der Zivilcourage. Auf, Reconquistadores, säubert das Abendland! Gott will es! Ich hab’ ihn gefragt!


So etwas in der Art hätte ich geschrieben, wenn bei mir jemand einen Auftragstext zum Thema Islam – minimal verallgemeinernd und hie und da mit subtiler Ironie gewürzt, aber im Kern durchaus zutreffend – bestellt hätte. Es hat ihn aber niemand bestellt. Ehrlich. Keine Sau.


Mehdorns Ansagerin hat mir meinen Nordsee-Trip versaut

21. September 2007

Liebe Freunde! Die Notizen aus dem Dachgeschoss müssen heute leider ausfallen. Euer Notiziar hatte zu viel zu tun. — Ich erwäge nämlich den Umzug vom windstillen Südwestdeutschland an die baumlose, eisige Nordseeküste und war dieser Tage per Bahn in eben dieser Sache unterwegs. Jetzt bin ich total übermüdet. Und das Meeresrauschen und die steife Brise, die mir an meiner potenziellen künftigen Wirkungsstätte fortwährend entgegenwehte, haben mir ganz schön zugesetzt. Bis bald.

Möwen
Hier seht Ihr zwei Möwen, die ich auf meiner Reise fotografiert habe.

P. S. Bahnchef Hartmut Mehdorn, sagen Sie mal: Wie muss man eigentlich drauf sein, um bei Ihnen einen Job als Bahnhofs-Lautsprecherstimme zu kriegen? Einfach nur brezelblöd? – Hören Sie sich mal an, was die Durchsagerin auf dem zum Frankfurter Flughafen gehörigen Fernbahnhof am 17. September zwischen 23 Uhr und 23 Uhr 30 so von sich gab: „Wirä bi-ttän die Reisenden nachää Köln un-tää Düss-säldorf …“; „der ICE aufffää Gleisssechssää verkehrt heutää …“; „bi-ttäachten Sie auf die Lautsprecherää-durchsagen …“ So in dem Stil, die ganze halbe Stunde! In einer total ekligen Sprechmelodie und mit einem ‚ä’, das vermutlich nach einem Schlusshauch, wie er im Französischen üblich ist, klingen sollte, aber nicht klang. Schon ziemlich dreist, wie man sich als Zugreisender von so einem selbstgefälligen Lautsprecherweib verarschen lassen muss, was? Feuern, die Frau!

P. P. S. Liebe Gabriele Pauli (CSU)! Sie haben die Idee mit der auf sieben Jahre befristeten Ehe also vom fränkischen Kabarettisten Frank-Markus Barwasser übernommen? Erste Sahne! Denn, warum sollen immer nur Politiker Vorlagen für Kabarettisten liefern und nicht auch mal andersrum, nicht wahr? – Überhaupt halte ich die ganzen CSU-Generäle, die Sie ob ihres Sieben-Jahres-Vorstoßes der Hirnvernageltheit zeihen, für selber doof. Schließlich hat die Fristenlösung fast nur Vorteile: Unterhaltsfragen müssten gleich zu Beginn der Ehe geregelt werden, Scheidungsanwälten wäre ein für alle Mal das verderbte Handwerk gelegt, die Abzocke der Ex-Ehemänner wäre passé … Aber, mal ganz unter uns Pastorentöchtern: Dass Sie ausgerechnet jetzt damit rüberkommen, ist doch kein Zufall, oder? Wollten Sie sich etwa kurz vor der Wahl zum CSU-Parteivorstand noch einmal ins Gespräch bringen, um ihre Chancen zu erhöhen? Haben Sie das Ding rausgehauen, weil Sie Angst hatten, jemand könne Sie tatsächlich wählen? – Wie auch immer; wenn ich könnte, würde ich Sie immer und überall wählen. Gewissermaßen in Anerkennung all ihrer selbstsüchtigen, durchschaubaren Versuche, sich persönliche Vorteile zu verschaffen. Toi, toi, toi!


Redefreiheit in der DDR (Special Guest: Eva Herman)

14. September 2007

Wissen Sie, was der Unterschied zwischen der DDR und dem Dritten Reich ist? Über die DDR darf man, wenn es unbedingt sein muss, sagen, dass dort nicht alles schlecht war. Über das Dritte Reich muss man sagen, dass dort alles schlecht war: die Familienpolitik (Mutterkreuz!), die Erziehung der Jugend (Jungvolk! HJ! BDM!), die Nazis, das Wetter usf. Wer sich nicht dran hält, den setzt der NDR vor die Tür. So jüngst mit Eva Herman geschehen, die laut Spiegel online sagte, im Dritten Reich sei „vieles sehr schlecht gewesen, zum Beispiel Adolf Hitler“, einiges aber auch gut, „zum Beispiel die Wertschätzung der Mutter“.

(Für Feinbeine: Dass man sagen muss, dass im Nationalsozialismus alles schlecht war, ist eine Vereinfachung. Als Ausnahme von der Regel waren die wenigen Guten damals z. T. deutlich besser als die heutigen Guten; sie konnten so gut sein, weil die anderen alle so schlecht waren. Ich vernachlässige diesen Sachverhalt im weiteren Text.)

Ich möchte den Rauswurf Eva Hermans nutzen und warnend den Finger heben. Es ist nicht gut, Einschränkungen der Redefreiheit im Namen der politischen Korrektheit, der Geschichte oder mit Rücksicht auf die Ansichten religiöser Vereinigungen, die sich für das Gewissen anderer Leute verantwortlich fühlen, hinzunehmen. Es ist überhaupt nicht gut, sagen zu müssen, dass irgendwo alles schlecht war. Und es ist regelrecht schlecht, wenn jemand, der sagt, dass im Dritten Reich nicht alles schlecht war, gefeuert wird.

Warum? Weil: Wenn sich die Ansicht durchsetzt, dass im Dritten Reich alles schlecht war, könnten die Leute, die nicht wissen, dass damals eben nicht alles schlecht war, auf den Gedanken kommen, zu glauben, dass 1933 alle Deutschen aus dem Stand zu einer bösartigen Menschen-Abart mutierten. Ein Homo malus gewissermaßen, der nichts als Bosheit im Schilde führte (strammstehen, denunzieren, vergasen) und mit Homo sapiens nichts gemein hatte. 1945 mutierten alle wieder zurück.

So war es nicht, Leute! Die Bewohner Hitlerdeutschlands waren wie wir! Schon mal was von der Gnade der späten Geburt gehört? Wir könnten, wenn wir wollten, genauso böse sein! So sieht’s nämlich aus! Macht euch das bewusst und seid trotzdem gut!

Zweitens will ich festhalten, dass Eva Herman ist, was Alice Schwarzer spätestens seit ihrem Verbal-Duell mit Verona Feldbusch nicht mehr ist: eine Tabubrecherin. Eine der couragiertesten prominenten Frauen Deutschlands.

Leider ist die Meinungshoheit naturgemäß bei denen, die im warmen Mief der Mehrheit schwimmen. (Ehrlich, die gibt es!) Und es gibt Thea Dorn, die auf Spiegel online schreibt, sie wisse schon ganz lange, dass Herman eine Anhängerin braunstichiger Ansichten ist. Nach etlichen weiteren Zeilen kommt Dorn dann auf den Punkt: Es gebe, sagt sie, in unserem Land rhetorische Schwellen, die niemand überschreiten darf. — Wenn Du doch nur klipp und klar geschrieben hättest, ob Du diese Schwellen gut oder schlecht findest, Theachen! Aber dieses Geschwafel ist einfach … ach, vergiss es. (Und was Deinen Schlusssatz betrifft – von wegen, Eva Herman habe das alles nur gesagt, um künftig mehr Zeit zum Apfelkuchenbacken zu haben: Ich habe schon besser gelacht.)

So. Jetzt zum eigentlichen Thema meines Aufsatzes. Es ist nämlich so, dass ich nicht so mutig bin wie Eva Herman. Darum schreibe ich nicht übers Dritte Reich, sondern nur darüber, dass in der DDR nicht alles schlecht war. Die Redefreiheit zum Beispiel. Wenigstens die im Alltag. In der DDR haben wir in der Schule und auf der Arbeitsstelle immer gesagt, was wir dachten. In dem westdeutschen Betrieb, in dem ich 1988 anfing, hieß es maulhalten und abducken. Alle waren total eingeschüchtert. Um von diesem schmachvollen Verhalten abzulenken, haben in den Pausen alle ganz laut über Nichtigkeiten geredet (Fernsehwerbung, Hollywoodfilme, Autos) und vorgegeben, das furchtbar interessant zu finden. Tschüss bis nächste Woche.

P. S. Bitte? Eva Hermans Äußerung war gar nicht mutig? Sie hat einfach nur drauflos geplappert? Was sie sagte („… vieles sehr schlecht gewesen, zum Beispiel Adolf Hitler“) zeugt von einer gottserbärmlich naiven Betrachtungsweise? Weil, wenn man über das Schlechte im Dritten Reich spricht und überlegt klingen will, man nicht einfach „sehr schlecht“ sagen darf, sondern Worte wie „menschenverachtend“, „verbrecherisch“ und „zynisch“ hernehmen muss? – Falsch. Wenn man sagen will, dass damals vieles sehr schlecht war – zum Beispiel Adolf Hitler -, dann sagt man „es war vieles sehr schlecht, zum Beispiel Adolf Hitler“.

P. P. S. Wer sich für eine differenziertere Sichtweise auf die vielen ganz Bösen und die wenigen ganz Guten im Dritten Reich interessiert, dem empfehle ich das Buch „Der Milchmann“ von Rafael Seligmann.

P. P. P. S. Wenn Alice Schwarzer mich fragen würde, wie sie couragemäßig wieder mit Eva Herman gleichziehen könnte, würde ich ihr antworten: Fordern Sie Verona Feldbusch-Pooth zu einem Schönheits-Wettbewerb heraus. (Sie müssen nicht gewinnen, Frau Schwarzer. Teilnehmen reicht völlig.)


Mansardenkoller. In memoriam Luciano Pavarotti

7. September 2007

Oweioweiowei, auuuwehauwehauwehau! Nichts ist mehr, wie es war und wie es gehört! Vor vier Tagen hat es angefangen: Erst haben sich die Deckenbalken meiner Mansarde gebogen, dass ich gedacht hab’, mir fällt gleich das Dach auf den Kopf; dann war es so, dass die morschen Dielenbretter bei jedem Schritt von mir geknarrt haben – furchtbar, fuuurchtbaaar! – und dann haben auch noch die Scharniere von der Dachluke so ganz laut gequietscht, wenn ich die Luke nachts mal aufgemacht habe und die schlechte verrauchte Luft abziehen lassen wollte.

Gekommen ist das so. Also, neben mir wohnt so ein Polizist, in der Nachbarmansarde. Wir sind hier oben ja eine Mansarde an der anderen, ich selber wohne in der Nummer 72, und die ganzen Mansarden, das ist so ein ganz langer Gang, so eine lange Flucht. Und der Polizist aus der Nummer 71 ist zu mir rübergekommen. Hat so richtig forsch angeklopft, als wie einer, der richtig wütend ist. Und ich hatte noch gar nicht ‚herein’ gerufen, da hat der schon selber die Türe aufgemacht und ist in mein Zimmer reingelaufen gekommen.

Was der mir alles an den Kopf geworfen hat! Tsa, sa, sa: Ich soll aufhören mit der ganzen Musik in meiner Mansarde, hat der gesagt, nicht wahr, das wär doch viel zu laut, ich würd’ ihn ja beim Arbeiten stören, er muss doch seine Berichte abends schreiben, ist doch Polizeibeamter, und weil sie bei der Polizei das tagsüber nicht schaffen mit den ganzen Berichten, nicht wahr, darum müsst’ er die Papiere von der Polizei, die Protokolle, müsst er dann abends noch zu Hause schreiben.

Hat man da noch Töne? Ich hab’ ja gar keine Musik gespielt, wenigstens nicht so laut! Das mit der lauten Musik war doch der andere, der Nebenmann, na, der aus der Mansarde 73, zwischen dem seiner und der vom Polizisten meine Mansarde ist. Sag ich zu dem Polizisten, der wo sich beklagt hat: Das war doch der andere. Aber was, das hat der gar nicht hören wollen. Meine alten Opernplatten, sagt dieser Tölpel, dieser Banause von einem Schutzmann, soll ich verdammt jetzt aber auch leise machen, und außerdem sind die schon viel zu alt, so was will heute gar keiner mehr hören, Rigoletto und der ganze alte Mist von Pavarotti, vor allem nicht, wenn’s so laut ist. So hat der über meine Opernplatten geredet, es ist nicht zu glauben. Da sag ich zu ihm: Also, wenn Ihnen das zu laut ist, dann rufen Sie doch die Polizei. (Das war ein guter Witz! Versteht ihr, er ist doch selber bei der Polizei, da braucht er sie doch nicht mehr rufen!)

Hat er sich dann getrollt. Seitdem habe ich meine Opernplatten nicht mehr gehört. Kann ja nicht. Der Verrückte kommt ja gleich rüber zu mir und fängt wieder an, meine Platten wären zu alt und zu laut. Was der für Musik hört, das tät ich wirklich gerne mal wissen. Aber der hört seine ja so leise, dass man es gar nicht hören tut. Nicht mal durch die dünne Mansardenwand.

Und seit ich die Musik aus hab’, hat das angefangen zu furchtbar zu Knarzen und zu Rumoren im Gebälk. Da wird man ganz irre, wenn man immer in dem kleinen Zimmer sitzen muss. Und ich muss ja. Ich muss ja schreiben. Das hier zum Beispiel.

Wann wird das denn nur endlich aufhören, hm? Keiner weiß es. Aaah, keiner weiß es.


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