Ost-West-Dialog

Neulich steh’ ich mit einer mir flüchtig bekannten Tübinger Sozialpädagogin auf der Neckarbrücke. Wir lehnen am Geländer und schauen ins braune Neckarwasser.

Sagt meine Bekannte: Oh Mann, diese Ostler.

Sag ich: Was ist mit denen? (Ich bin in der DDR aufgewachsen, aber das weiß meine flüchtig Bekannte nicht.)

Sagt sie: Die sind doch alle braun. Intolerante, dumpfe Nazis. Wegen Mügeln und so, sagt sie. Vollgeschissen mit Vorurteilen. Kennen gar keine Ausländer, weil’s im Osten keine gibt, können Ausländer aber nicht leiden.

Sag ich: Woher weißt du das?

Sie: Das steht doch jeden Tag in den Medien.

Ich: So nahtlos passt der Mügeln-Vorfall nicht in dein Klischee von den rechtsradikalen Ostlern und den bedauernswerten Ausländern, meine Liebe. Der Focus sagt, die Polizei habe gesagt, dass die Inder mit abgebrochenen Biergläsern auf die Ostdeutschen losgegangen sind. (Langsam komm’ ich in Fahrt. Ich erhitze mich bei diesem Thema immer. Ich kann es für den Tod nicht ausstehen, wenn sich eine Tübinger Sozpäd-Trulla, die vorgibt, tolerant zu sein, in Wirklichkeit aber nur tolerant ist gegenüber denjenigen, die dieselbe Meinung haben wie sie, über die vermeintliche Intoleranz anderer ereifert.) — Dochdoch, sag ich weiter zu ihr, du hast ja recht. Zuallererst, noch bevor jemand Genaueres weiß, sagen die Medien immer, dass wieder mal die guten Ausländer von den braunen Ossis gehetzt worden sind. Wenn hinterher rauskommt, dass es doch anders war, kommt das nur als Vierzeiler auf Seite siebzehn. Und schwupps – wieder haben die Wessis ihr Stereotyp vom braunen Ossi bestätigt gekriegt.

Sie: Den ‚Focus’ les’ ich nicht, der ‚Focus’ ist …

Ich: Aber den ‚Spiegel’ und die ‚TAZ’ liest du doch ganz bestimmt, oder?

Sie: Die ‚TAZ’ schon, die ist …

Jetzt bin ich endgültig nicht mehr zu halten. Die Medien, schrei ich, egal ob Focus, Spiegel oder TAZ, berichten tendenziös! Das Fernsehen ist besonders tendenziös! Das Fernsehen bedient Klischees über Ostdeutsche! Und, sag ich, das Fernsehen – das öffentlich-rechtliche wie das private – ist ein reines Westfernsehen! Wenn ein Moderator, egal welcher Sendung, ‚wir’ sagt, meint er die Westdeutschen, wenn er ‚hier’ sagt, meint er Westdeutschland, und wenn er ‚dort’ sagt, meint er die Ex-DDR!

Unter der Neckarbrücke plätschert es. Ein paar Stocherkahn-Studenten schauen zu uns herauf.

Sagt sie: Sag mal, wie bist du denn drauf? Das weiß doch jeder, dass es im Osten schlimmer ist mit den Nazis als hier. Die sind eben die Demokratie nicht gewohnt. Und so weiter, sagt sie.

Sag ich: Wenn das tatsächlich so ist, dann liegt es daran, dass im Osten mehr Leute arbeitslos sind als im Westen.

Sie, sich abwendend: Hör auf, das hat doch mit Arbeitslosigkeit nichts zu tun, das ist doch ein billiges Klisch…

Ich, mit Schaum vorm Mund: Ha! Was weißt du denn! Das, das ist kein Klischee!

Sie: Ich muss los, ich muss noch was einkaufen. Tschüss.

Ich: Tschüss.

Sie geht. Ich stehe noch eine Weile da. Schaue vor mich hin, ins Wasser.

Wenn meine Bekannte nicht gegangen wäre, hätte ich ihr gesagt, dass eigentlich nicht die Arbeitslosigkeit dafür verantwortlich ist, wenn sich jemand nach rechts außen orientiert. Sondern die regierenden Parteien und die Medien. Weil sie den Arbeitslosen, vor allem den arbeitslosen Hartz-IV-Empfängern – subtil oder auch ganz offen – vermitteln, sie selbst seien für ihre Misere verantwortlich, sie seien ehrlose Schmarotzer, die auf Kosten aller anderen lebten. Das Vermitteln dieser Botschaft läuft übrigens unter der Bezeichnung „Motivierung“. Nein, schnittiger noch: Motivation. Die Opfer dieser Motivation, hätte ich gesagt, würden folgerichtig entweder Selbstmord begehen oder NPD wählen. Eigentlich müssten, hätte ich ihr gesagt, noch viel mehr Leute NPD wählen. Das hätte sie wohl verstanden.

Dann hätte ich ihr gesagt: Ich habe einen Traum. Von einem friedlichen Miteinander von Nazis, Ausländern und toleranten Tübinger Sozialpädagogen. Mein Gott, sind wir denn nicht alle Deutsche? Zum Schluss hätten wir uns in den Armen gelegen.

Inzwischen bin ich mir nicht mehr ganz sicher, ob es wirklich so gekommen wäre. Womöglich hätte meine sehr flüchtig Bekannte mit ihren festzementierten Ansichten über Ostdeutschland ganz anders reagiert. Mich als Nazi verunglimpft beispielsweise.

Ganz gut so, dass sie gegangen ist. Soll sie doch zusammen mit ihren aufgeschlossenen Tübinger Toleranzlern, dieser ganzen feisten, faschistoiden Sozpäd-Mischpoke, weiter ihre Vorurteile pflegen. Oder dorthin gehen, wo der Kümmel wächst. Ich sag’s Euch: Manche Leute kann ich auf den Tod nicht ausstehen.

P. S. Wohin das mit der „Motivation“ einmal führen wird, weiß ich jetzt schon. Irgendwann in den, sagen wir mal, kommenden zehn Jahren wird man dazu übergehen, Arbeitslose in Lagern zu internieren. Die Lager werden nicht Lager heißen, sondern ‚Motivation Centers’. Sollte sich dagegen unerwarteterweise Widerstand regen (von wegen, ob die Nationalsozialisten nicht auch solche Lager gebaut hätten), wird irgendein Bescheidwisser – einer von der Sorte, die in jedem Satz dreimal ‚Struktur’, ‚Relevanz’ und ‚Kontext’ sagt – erklären, man könne doch nicht alles, was im Dritten Reich geschah, deshalb verteufeln, weil es im Dritten Reich geschah, man müsse sich über Denkverbote hinwegsetzen, müsse Dinge andenken usf.

P. P. S. Mit welchem Begriff man das Vergasen von Arbeitslosen, das meiner Einschätzung nach in den kommenden zwanzig bis dreißig Jahren eingeführt wird, bezeichnen wird, darüber denke ich noch nach. Nachhaltige Abwicklung vielleicht. Oder ProEconomy BioRelease.


Mehr davon: Ost-West-Dialog (Vol. II)

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