Aufgedeckt: Die fragwürdige Vergangenheit des Donkey Kong. Eine erschütternde Historie.
1981 entwickelte der japanische Spielehersteller Nintendo einen Automaten, auf dem ein Spiel namens „Donkey Kong“ lief. Was viele nicht wissen: Der Ursprung der genialen Affenfigur liegt um etliche Jahrzehnte länger zurück. Wir haben gründlich recherchiert und freuen uns, hier auszugsweise die erschütternde Geschichte des beliebten Gorillas und seines Erfinders präsentieren zu können.
1936 NS-Propagandaminister Joseph Goebbels schmeckt es nicht, dass der schwarze US-Amerikaner Jesse Owens bei den Olympischen Spielen in Berlin eine Goldmedaille nach der anderen abräumt und die Vertreter der nordischen Herrenrasse alt aussehen lässt. Er ersinnt den perfiden Plan, Owens als „Wilden aus dem Dschungel“ zu verunglimpfen und dessen Leistungen dadurch in einem anderen Licht erscheinen zu lassen. Über Mittelsmänner beauftragt Goebbels den damals gerade 18-jährigen Zeichner Karl Cornelius, der aus dem Erzgebirge stammt, sich durch das Illustrieren zweier Bücher über Zentralafrika einen Namen gemacht hat und unter dem Pseudonym „Don Carlos“ publiziert, eine karikaturistische Bildgeschichte für die nächste Ausgabe der „Deutschen Sportlerzeitung“ zu verfertigen. Cornelius alias Don Carlos wird angewiesen, bildlich darzustellen, wie ein Menschenaffe sich äußerst flink und gewandt fortzubewegen versteht, aber bei den einfachsten kulturellen Erfordernissen – wie beispielsweise dem Binden einer Krawatte – kläglich scheitert.

Goebbels; „Urwald-Aff vom Kongo“
Nichts Böses ahnend macht sich der jugendlich-naive Cornelius ans Werk, und eine Woche später erscheinen in oben erwähnter Zeitschrift mehrere zusammenhängende Karikaturen unter dem Titel „Der Urwald-Aff vom Kongo“ – eine auf den ersten Blick harmlose Bildgeschichte, in der gewisse Unzulänglichkeiten von Gorillas aufs Korn genommen werden. Der Zusammenhang, in dem die Karikaturen erscheinen (ein „neutraler“ Kommentar zum Abschneiden schwarzer US-amerikanischer Sportler in Berlin), lässt jedoch keinen Zweifel an der Aussage derselben: Es geht einzig und allein darum, afroamerikanische Sportler – in erster Linie Owens – aufs Übelste zu diffamieren und zu verleumden, um so die Ehre des Nordmenschen zu retten. Erst Jahre später wird Cornelius klar, dass er zu Propagandazwecken benutzt worden ist. Obwohl er sich angesichts dieser Sachlage wie benommen fühlt, wird er künftig immer wieder in vergleichbare Situationen schlittern.
1953 Cornelius hat sich nach Kriegsende nach München abgesetzt, weil er glaubt, es in Westdeutschland eher zu materiellem Wohlstand zu bringen als unter sowjetischer Besatzung. Er zeichnet für ein paar unbedeutende Lokalblättchen und illustriert hier und da ein Büchlein. Unterdessen läuft der Wahlkampf für die bevorstehende Bundestagswahl auf Hochtouren – Finstermann Adenauer sucht verzweifelt nach einer Idee für seine Wahlkampagne. Da fallen ihm unverhofft Cornelius’ Urwald-Aff-vom-Kongo-Karikaturen in die Hände. Er erkennt die propagandistische Sprengkraft in Don Carlos’ Zeichnungen und lässt bei ihm eine Auftragsarbeit bestellen: Eine Figur vom Typ „Russischer Bär“ für die angeblich bald zu eröffnende Ausstellung mit dem Titel „Wappen und Hoheitszeichen“.

CDU-Wahlplakat
Adenauer weiß genau, dass Cornelius keinerlei Erfahrung im Zeichnen von Bären vorweisen kann und er sein Leben lang nichts anderes als Affen gemalt hat, aber gerade darauf spekuliert der alte Fuchs. Und siehe da: Die fertige Zeichnung gleicht weniger dem russischen Nationaltier als vielmehr einem wildgewordenen Gorilla. Adenauers Wahlstrategen ergänzen das Werk noch durch einige konzentrische Linien und einen Slogan, und schon hängt an jeder zweiten Litfaßsäule ein abscheuliches Wahlplakat, dazu geeignet, sowohl den Sowjetbürger an sich als auch die deutsche Sozialdemokratie in böswilligster Weise zu diffamieren. Leider geht Adenauers Plan auf: Er gewinnt die Wahlen und regiert bis in die sechziger Jahre hinein. Wieder einmal ist Cornelius’ Werk schimpflichst missbraucht worden.
1967 Cornelius’ (wenn auch ungewollt) kraftvolle, zur Massenbeeinflussung bestens geeignete Werke rufen ein Jahrzehnt später selbst die Yankees auf den Plan. Ihr Feldzug gegen das vietnamesische Volk ist in den Vereinigten Staaten wenig populär, und so sinnen die Generäle über ein angemessenes Mittel zum Aufpolieren ihres miserablen Images nach. Ihr Plan: Den Feind als menschenverachtende Bestie in Verruf bringen, um die Proteste endlich verstummen zu lassen. Was läge da näher, als auf Cornelius’ Fähigkeiten zurückzugreifen? Eben. Der sich selbst als unpolitisch begreifende Erzgebirgler wird schnurstracks nach New York eingeladen, wo man seine Werke ausstellen will. Tatsächlich hat er in Deutschland – sieht man einmal von der durch Zweckentfremdung seiner Karikaturen erlangten Popularität ab – nie Berühmtheitsstatus erreicht. Er fühlt sich dementsprechend außerordentlich geschmeichelt und vermutet auch nichts Schlimmes, als man ihn auffordert, das Bildnis eines wutentbrannten Gorillas zu entwerfen – angeblich für ein Werbeposter für seine eigene Ausstellung (Darstellungen von Menschenaffen sind nach wie vor Don Carlos’ Spezialität). Darüber hinaus bittet man ihn, das Haupt des Tieres mit einer südostasiatischen Kopfbedeckung zu krönen. Begründung: Dies sei zur Zeit ganz besonders en vogue. Er tut schließlich – wiederum nichts Böses ahnend –, wie ihm geheißen.

„Viet-Kong“
Die Ausstellung in einem Brooklyner Abbruchhaus wird ein Reinfall. Dafür erscheint bald darauf auf Geheiß des CIA in beinahe allen Zeitungen das Bild des grässlichen Affen, der den Namen „Viet-Kong“ verpasst bekommt (diese Bezeichnung wird später eine Verunglimpfung aller nordvietnamesischen Kämpfer). Die Aussage ist klar: Alle Vietnamesen sind blutrünstige Monster, die zu bekämpfen nicht nur nicht schlecht, sondern im Gegenteil eine Verpflichtung für die Bürger der „freien Welt“ sein muss.
Cornelius sieht sich zum dritten Mal ausgenutzt und übertölpelt. Verbittert verlässt er die USA und wechselt die Fronten: Er übersiedelt in die DDR, wo er sich in seiner alten Heimat, dem Erzgebirge, niederlässt.
1979 Auch im östlichen Teil Deutschlands ist man sehr daran interessiert, Cornelius’ Fähigkeiten zu Zwecken der Agitation zu nutzen. Vielfach wird er bedrängt, diesen oder jenen westlichen Politiker als Affen zu karikieren. Cornelius, der mittlerweile um die vielfältigen missbräuchlichen Verwendungsmöglichkeiten seiner Zeichnungen weiß, geht diesen Versuchungen jedoch konsequent aus dem Wege, vermeidet jegliches Abbilden von Gorillas, Schimpansen und dergleichen Getier und illustriert fast ausschließlich Kinderbücher. Trotz dessen lässt er sich zumindest insofern mit dem Parteiapparat ein, als er sich bereit erklärt, ab und an Plakate zu entwerfen, die die Errungenschaften des Sozialismus und die Schönheit des Lebens in der DDR preisen. Er tut dies, um nicht als Quertreiber zu gelten; außerdem hält er solcherart Kunst für relativ harmlos.

Plakat zum Republikgeburtstag
Als jedoch die Forderungen nach beißenden antiimperialistischen Karikaturen von Seiten der SED immer lauter werden und man ihn ständig fragt, wo denn „die Affen“ blieben, reicht es ihm endgültig: Er nutzt seine Arbeit an einem Plakatzyklus zu Ehren des 30. Jahrestages der DDR dazu, mit den Betonköpppen der Partei abzurechnen und entwirft das oben abgebildete Plakat. Nach Ablieferung seines Werkes rechnet Cornelius mit seiner sofortigen Verhaftung. Doch, oh Wunder: Nichts geschieht! Die Arbeit geht ohne Beanstandung in Druck, und pünktlich zum 7. Oktober hängt seine Verhohnepipelung der werktätigen Klasse überall zwischen Warnemünde und Zittau. Was er nicht einkalkuliert hat: Niemand in der DDR achtet auf dergleichen staatliche Agitation oder würdigt sie auch nur eines Blickes. Über diese Ignoranz ist Cornelius beinahe noch mehr verärgert als über die Partei-Forderungen nach politischer Propaganda, und so nutzt er einen Besuch bei einer Verwandten in der Bundesrepublik, um voller Zorn erneut das Land zu wechseln.
1980/81 Endlich beschließt Cornelius, der Affen zeichnen kann wie kein Zweiter, sein Talent nicht mehr mit zweifelhaften Auftragsarbeiten zu vergeuden, sondern selber etwas auf die Beine zu stellen. Er entwirft eine Figur (quasi ein Destillat aller jemals von ihm verfertigten Gorilla-Studien) und verpasst ihr den Namen „Don C. Kong“ – in Anlehnung an seinen eigenen Künstlernamen Don Carlos. Sein Plan ist nun, zum Zwecke der Vermarktung seiner Schöpfung voll auf den US-Markt zu setzten. Schon bald spricht er bei den angesehendsten amerikanischen Magazinen vor. Er hat sich vorgenommen, Don C. Kong als Fortsetzungs-Bildgeschichte bei einer überregionalen Zeitschrift unterzubringen.

Don C. Kong
Von diesen Vorgängen bekommt ein ominöser Mister Motomiya Wind und unterbreitet Cornelius ein verlockendes Angebot: Er wolle Don C. Kong zum Helden eines elektronischen Bildschirmspieles machen, gemeinsam werde man sich daran dumm und dämlich verdienen. Obwohl er es besser hätte wissen müssen, erliegt Cornelius der Versuchung (noch immer träumt er von weltweitem Ruhm und Reichtum), fertigt Dutzende von Zeichnungen an, die Don C. Kong aus allen denkbaren Perspektiven zeigen, und erfindet auch noch eine kleine Story: Der Affe müsse eine holde Maid in seine Gewalt bringen, und ein tumber Handwerksgesell, für den sich Cornelius den Namen Marcoccio ausgedacht hat, solle versuchen, das Frauenzimmer aus den Klauen des Gorillas zu erretten. Umgehend sendet er seine Entwürfe an Motomiya. Schon wähnt er sich am Ziel seines künstlerischen Schaffens, schon glaubt er, das Anschwellen seiner Brieftasche zu versprüren – da kommt es, wie es kommen muss: Motomiya meldet sich noch ein paar Mal bei ihm und beteuert stets, dass alles zum Besten stehe, doch dann bricht der Kontakt unvermittelt ab. Cornelius’ Briefe kommen wieder zurück („Empfänger unbekannt verzogen“) und unter Motomiyas Telefonnummer ist niemand mehr zu erreichen.
Cornelius hält die Sache bereits für erledigt, da entwickelt die japanische Firma Nintendo einen Spielhallenautomaten, der über Nacht große Popularität erlangt. So weit, so gut – doch das Spiel, das es auf dem Automaten zu spielen gilt, kommt Cornelius, als er von der Sache erfährt, sofort verdächtig bekannt vor: Es dreht sich um einen Affen namens Donkey Kong, der eine gewisse Pauline (aus der später Peach werden soll) gekidnappt hat und um einen Typ namens „Jumpman“ (der später zu Mario mutiert), welcher versucht, Pauline zu erretten. Als Autor wird ein gewisser Shigeru Miyamoto genannt.
Cornelius schäumt vor Wut. Die Sachlage scheint völlig klar: Miyamoto alias Motomyia hat seine geniale Affenfigur geklaut, darüber hinaus auch noch die anderen Figuren sowie die komplette Story übernommen. Ja, er hielt es offenbar nicht einmal für nötig, sich einen neuen Namen für den Hauptdarsteller auszudenken, sondern änderte Cornelius’ Vorschlag „Don C. Kong“ nur geringfügig ab. Aufs Äußerste erregt strengt Don Carlos sofort mehrere Prozesse an, denn er ist nicht gewillt, sich aufs neue übertölpeln und einen Anderen die Früchte seiner Arbeit ernten zu lassen. Doch auch diesmal erreicht er nichts: Das Gericht sieht den Tatbestand des Diebstahls geistigen Eigentums als nicht erwiesen an – Cornelius kann nämlich so gut wie keine Beweise beibringen, die für seine Behauptungen sprechen. Außerdem ist er knapp bei Kasse kann sich keinen Anwalt leisten; eine Versicherung, die in solchen Fällen einspringt, hat er auch nicht. Er unterliegt auf ganzer Linie, während sich Miyamoto und Nintendo ins Fäustchen lachen und kräftig abkassieren. Aus Verbitterung übersiedelt Cornelius nach Lappland und beginnt dort das Leben eines nomadisierenden Rentierzüchters. Niemand hat seither wieder etwas von ihm gehört.
Und so ergeht an unsere geneigte Leserschaft abschließend die Bitte: Wenn Ihr Euch das nächste Mal mit Donkey Kong Country 1, 2, oder 3 vergnügt oder in die Welt von Donkey Kong 64 entführen lasst: Legt eine Gedenkminute für Karl Cornelius ein. Vielen Dank.
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